Kolumne im vorwärts:berlin, Oktober 2003

Winfried Sühlo

Winfried Sühlo: An dieser Stelle beginnt ein Diskurs für die Berliner Kultur

Die Hauptstadt ist endlich im Alltag unserer Republik angekommen. Es vergeht kein Tag, an dem in den Medien nicht spöttisch nach dem von ihr erwarteten Glanz gefragt würde. Wie konnte er - nach einem kurzen Aufglimmen - so schnell wieder verlöschen? Sollte der teure Umzug von Bonn her denn ganz umsonst gewesen sein? Ist Berlin gar nicht die verrückte, kulturvolle Metropole, die wir Deutschen seit 1945 ersehnt haben?

Diese Fragen passen so wunderbar zur politischen Grundstimmung des Landes in diesem Jahr des Missvergnügens, dass man nach ihrem Herkommen nicht weiter forschen muss. Eigenartig erscheint bisweilen der Blickwinkel. Eine Metropole wird von denen gestaltet, die in ihr leben, arbeiten und schreiben. Eine Million Menschen sind seit der Wende nach Berlin gezogen, eine andere Million hat es verlassen. Prägend für die Stadt ist also ihr gesellschaftlicher Umbruch, das Unvollendete und Unstrukturierte. Alle die hier herkommen - Politiker, Beamte, Medienleute, Essayisten, Künstler, Jungunternehmer und viele andere - nehmen teil an der Entfaltung einer sich radikal verändernden Stadt, die zudem eine einmalige Geschichte hat.

Was bedeutet das für Berlin als Kulturstadt? Zum einen eine besondere Chance. Der uneinholbare Vorsprung Berlins gegenüber den glänzenden Metropolen Paris, London und New York liegt in der Tiefe ihres Umbruchs. Aufregend ist das offensichtlich für junge Menschen in kreativen Berufen, die es in großer Zahl aus vielen Ländern in die Stadt zieht - ein zuwachsendes Kapital, dass die Berliner Politik insgesamt entdecken und engagierter fördern muss. Die Dynamik dieses Umbruchs zeigt aber auch, dass die alte, zwischen Ost und West zusammenwachsende Kulturlandschaft der Stadt, die ihren Ruf als zentralen Ort der Künste in der Welt begründet, intelligenter und sorgfältiger Pflege bedarf. Niemand bestreitet mehr, dass Kultur ein Lebensnerv Berlins ist. Er wird nur gesunden, wenn ein Weg der Reformen und Veränderungen beschritten wird.

Der VORWÄRTS möchte diesen Weg der Berliner Kulturpolitik begleiten und den notwendigen Diskurs anregen. Das soll mit einer monatlichen Kolumne wechselnder Autoren an dieser Stelle geschehen, die vom Kulturforum Stadt Berlin der Sozialdemokratie betreut wird.
Winfried Sühlo ist Vorsitzender des Kulturforum Stadt Berlin der Sozialdemokratie
  Kolumne Februar 2004