Kolumne im vorwärts:berlin, März 2004![]() Dorothea Kolland: Kulturelle Leere?Stellen Sie sich vor, Sie wohnen nicht im Zentrum, sondern in Spandau, Lichtenberg, Rudow, oder Treptow und möchten gerne, ohne weit fahren zu müssen, "in Kultur machen". Stellen Sie sich vor, Sie sind Bildender Künstler oder theaterbesessen und zählen zu den über 90% Kulturschaffenden, die nicht von ihrer Kunst leben können, und wollen ihre Arbeit präsentieren, ohne sich dafür in Schulden zu stürzen oder die Oma anzubetteln. Stellen Sie sich vor, Sie wollen etwas über die Geschichte Ihrer Wohngegend, Ihres Bezirks erfahren und diese spannend präsentiert sehen?In all diesen Fällen - und in vielen weiteren - wird man als Berliner zwangsläufig auf die bezirklichen Kunst- und Kulturämter stoßen, die auf eher unspektakuläre, aber verlässliche Weise die "Grundversorgung" der Berliner Kulturbedürfnisse befriedigen - dabei immer wieder wegweisende Experimente wagend -, seit 50 Jahren, und ob ihrer Effektivität bei sehr geringem Mitteleinsatz von anderen deutschen (und europäischen) Metropolen beneidet. Um gleich irrige Gedanken zu korrigieren - in Hamburg, München oder Stuttgart wird jeweils mehr Geld für Stadtteilkulturarbeit ausgegeben, nur ist die Geldausgabe anders (nämlich bei der Zentrale) organisiert. Es gilt vieles neu zu bedenken und zu gestalten; neue Organisationsformen, neue Aufgaben (z.B. Kultur als "social empowerment", Kultur der multiethnischen Einwanderungsstadt, Kultur als urbaner Standortfaktor, Kultur im Zusammenspiel mit Bildung - Ganztagsschulen! -) müssen realisiert werden. Dazu empfahl der Kulturausschuss des Abgeordnetenhauses parteiübergreifend am 12.01.2004 eine neue Strukturkommission einzurichten, der Bedeutung der bezirklichen Kulturarbeit wohl bewusst. Parallel dazu - es gibt schon komische Vorgänge im Land Berlin - hatte der Senator für Finanzen auf der Grundlage eines Senatsbeschlusses bei der Sparklausur im Dezember das Ende der bezirklichen Kultur eingeläutet und dies dem Hauptausschuss und den Bezirken kommuniziert - nur hatte fast keiner dies realisiert. Verborgen hinter finanztechnischen Anweisungen sollen die Bezirke ihrer "freiwilligen Leistungen" entblößt werden. Im Landesdurchschnitt macht Kultur 45% dieser freiwilligen Leistungen aus. Die Zuweisungen für diese Leistungen sollen von den Globalhaushalten der Bezirke abgezogen werden. Wer das Ausgequetschtsein der Bezirksetats kennt, weiss, dass dies beim besten Willen nicht aufzufangen ist. Spätestens 2005 ist die Katastrophe angesagt. Über deren Auswirkungen wäre ein viel längerer Artikel als dieser zu schreiben. Das Erschreckende an der gegenwärtigen Situation: Der Skandal vollzieht sich verborgen hinter für die meisten unverständliche Zahlen, Produkte, Budgetierungen und Pauschalierungen. Nicht politisch. sondern finanztechnisch werden zerstörerische Fakten geschaffen. Die kulturpolitische Debatte und die finanztechnische Realität widersprechen sich diametral, ebenso wie diese diametral der Koalitionsvereinbarung zuwiderläuft. Ist das so gewollt? Sollen die Bezirke in einem ihrer urbanen Lebensnerven getroffen werden? Dr. Dorothea Kolland ist Leiterin des Amtes für Kultur und Bibliotheken in Neukölln |
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