Kolumne im vorwärts:berlin, Mai 2004

Jörn Thiessen

Jörn Thiessen: Thomas, wo biste?

Gegen den Senator Doktor Flierl kann man wenig sagen. Schlau ist er. Er lebt in einer komplizierten Welt. Und sagt das auch. Manchmal leidet er sogar öffentlich daran. Darin unterscheidet sich Senator Doktor Flierl wohltuend von vielen seiner Mitmenschen. Vor allem von wirklich vielen Politikerinnen und Politikern. Ohne dass ich gerade in Berlin jemandem damit zu nahe treten möchte. Wie gesagt: Er ist im Grunde seines Herzens ein netter Kerl. Ohne dass ich ihm damit zu nahe treten möchte.

Aber: Wo ist er nur? Manche vermuten ihn auf Tauchkurs im Müggelsee, andere wollen ihn auf einer einsamen Bergwanderung Richtung Olymp gesehen haben. Nichts Genaues weiß man nicht. "Thomas, wo biste?", schallt es durch Berlin. "Hier gibt´s ordentlich zu tun, hier kannste die Ärmel jeden Tag mehrfach aufkrempeln und andauernd was entscheiden, so du denn willst."

Will Senator Doktor Flierl? Man darf verunsichert sein. Dabei kann ich den Mann gut verstehen. Erkennen und Handeln sind doch zwei nur auf den ersten Blick zusammenhängende Tätigkeiten. Wenn des Morgens mein Wecker schrillt, dauert es oft quälend lange Minuten, bis ich mich aufraffen kann. Wie mag es jemandem ergehen, dem jeden Morgen Dutzende von Weckern läuten und der gleich nach dem Frühstück, wissen, forschen und kulturen muß? Ich denke da an den guten Gottfried Benn mit seinem legendären Satz: "Und vom Rasieren schon so müd, bevor ihn Post und Telephone trafen."

Wie ich Doktor Flierl einschätze, versucht er, seinen Job so gut wie möglich zu machen. Er mag das Erkennen. Er sucht das tertium comparationis zwischen Tempodrom und Charité. Und käme im Ernst nicht darauf, es im Abgeordnetenhaus zu vermuten.

Er durchdringt mehr als durchzudringen. Das merkt man manchmal nicht, manchmal ist es schade und wenn es so bleibt, dann bekommen wir ein Problem. Die Zahl derjenigen Menschen in Berlin, die sich für die dienstlichen Angelegenheiten von Senator Doktor Flierl interessieren, geht ganz sicher nicht in die Tausende. Von Zeit zu Zeit freut man sich schon über eine lockere Handvoll Frauen und Männer, die bereit, willens und in der Lage sind, sich auf ansprechendem Niveau mit den komplexen Dingen zu beschäftigen. Ich kenne (nicht nur in Berlin) ganze Parteien, denen es an solchen Mitmenschen fast ganz und gar fehlt.

Weil aber Wissenschaft, Forschung und Kultur zu den wichtigsten Themen in Berlin gehören, weil wir hier Zukunft gewinnen und verspielen können, weil wir viele Menschen brauchen, die sich damit engagiert, d.h. nicht allein fiskalistisch, beschäftigen, deswegen wünsche ich mir heute mal: Thomas, komm zurück! Wir sind ja da und helfen dir!
Jörn Thießen ist Mitglied im Vorstand des Kulturforums Stadt Berlin
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