Kolumne im vorwärts:berlin, Juni 2004

Jan Turowski

Jan Turowski: Pop ist Zukunft

Kultur, in all ihren vielfältigen und vielschichtigen Erscheinungsformen, ist zu einem wichtigen Feld der politischen Auseinandersetzung geworden. In einer hektischen und unübersichtlichen Mediengesellschaft, in der traditionelle Bindungen und vormals fest gefügte Werte zu erodieren scheinen, finden in der Kommunikation über Kultur und durch Kultur wichtige gesellschaftliche und sozialpolitische Prozesse zur Selbstverständigung statt. Kultur ist demnach kein Luxus, den sich in Zeiten wohlfahrtsstaatlichen Umbaus nur Wenige zu leisten bereit sind, sondern auch ein "vorpolitischer Raum", in dem Werte, Positionen und ein politischer Handlungshorizont immer wieder neu verhandelt werden.

Diese Einschätzung gilt ganz besonders für die Pop-Kultur - aus mehreren Gründen: Erstens ist die Pop-Kultur heute das primäre kulturelle Betätigungsfeld der jüngeren Generationen. In der Pop-Kultur finden kollektive und individuelle Selbstfindungs- und Abgrenzungsentwicklungen statt, hier findet man ein spannendes Experimentierfeld für neue inhaltliche Fragestellungen und ästhetische Techniken. Zweitens entwickeln die verschiedenen Pop-Kulturen immer wieder politische Diskurse, die in der Gesellschaft sozial verändernde und fortschrittliche Spuren hinterlassen. In den letzten 50 Jahren war die Pop-Kultur ein wichtiges Medium, das gegenpolitische und gegenkulturelle Positionen transportierte - politisch im Formulieren von Interessen, im Besetzen von Themen oder im Wörtlichnehmen von politischen und gesellschaftlichen Versprechen.

Heute formulieren sich die Pop-Positionen anders und weniger polarisiert als in den 60er Jahren, als schon Haarlänge und Lebensgefühl hochpolitisch als Angriff auf ein Establishment interpretiert wurden. Aber sie sind nicht weniger bedeutsam und weitreichend. Drittens lässt sich eine sinnvolle Grenze zwischen "Hochkultur" und "Pop-Kultur" schon lange nicht mehr ziehen.

Der innere Diskurs im Pop hat sich entgrenzt. Neue, für die Gesellschaft wesentliche Impulse - Stimmungen, Ausdruckswünsche, Problemstellungen - kommen heute vielfach aus Zusammenhängen der Pop-Kultur und drängen nach und nach in die jeweils gültige Hochkultur hinein. So setzen sie sich nicht als Pop-Kultur durch, sondern im übergreifenden Sinne als Kultur.

Kurzum: Wer einen Blick in die kulturelle Zukunft wagen und wer Terrain in öffentlichen Diskursen gewinnen will, kommt um eine Auseinandersetzung mit pop-kulturellen Fragen, Themen und Materialien nicht herum. Das "Kulturforum Stadt Berlin der Sozialdemokratie" wird diesem Zusammenhang in einer Veranstaltung am 17. Juni 2004 ein Forum geben. Ort und Zeit werden noch bekannt gegeben.
Jan Turowski ist Mitglied im Vorstand des Kulturforums Stadt Berlin
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