Kolumne im vorwärts:berlin, Juni 2005![]() Michael Schindhelm: Berliner ReichtumDer deutsche Zeitgeist versucht sich derzeit in der Kunst des stilvollen Verarmens. Statt Kapitalismuskritik Empfehlungen, die Latte macchiato im Szenecafe gegen einen Vanilletee zu Hause einzutauschen. Die neue Niedergangsästhetik hat weder mit Stil noch mit Armut zu tun, sondern mit der Lust des eigenen (geistigen) Elends. Wer den Abstieg besingt, will vor allem keine Veränderung.Auch die drei Opernhäuser von Berlin und das Staatsballett Vladimir Malakhovs haben jetzt schon vergleichsweise weniger Geld als vor zehn Jahren und werden in den nächsten vier Jahren noch einmal mit drastisch geringeren Mitteln auskommen müssen. Nach meinem Eindruck labt sich aber niemand in unseren Häusern an den Erwartungen eines kollektiven Opernruins. Man weiß, es wird hart werden, es geht nicht ohne strikte Veränderungen, und allmählich stellt sich unter dem Dach der Stiftung sicherlich auch das Bewusstsein ein, man kann es nur gemeinsam schaffen, mit einer klugen Reformstrategie. 96 Millionen Euro wird die Stiftung im Jahr 2009 noch an öffentlichen Zuwendungen vom Land Berlin erhalten. Das ist viel, gemessen an dem, was eine Provinzbühne zur Verfügung hat. Das ist wenig für die größte Opernstruktur der Welt (Die beiden Opernhäuser in München verfügten schon 2002/03 über 83 Millionen.). Ob es reichen wird, die drei Musiktheater zu erhalten, wird zu beweisen sein. Deshalb richten sich die Opern in Berlin nicht in der Not ein, sie begegnen ihr. Nach wie vor bieten sie eine einzigartige programmatische Vielfalt, nach wie vor sind sie erste Adresse für viele große Opernkünstler unserer Zeit. Der Welttenor Jose Cura beispielsweise hat nach seinem kürzlichen Debüt an der Deutschen Oper angekündigt, er werde in den nächsten Jahren hier öfter auftreten. Der Grund: die gute Arbeitsatmosphäre. Es sind immer wieder die Auswärtigen, die die Berliner Atmosphäre loben. Überall in der Welt gerät man ins Schwärmen, wenn von Berlin die Rede ist. Nur Berlin selbst tut das nicht. Die Stadt hat einen seltsamen Eros. Er zieht vor allem die Fremden an, die Einheimischen lässt er meist kühl. Auch Berlins Opern bedienen diesen Eros. Während Mailänder und Wiener, Pariser und Münchner stolz sind auf ihre Häuser (trotz auch dort veritabler Krisen und Wirbel), wird hier gern gemuffelt und gemeckert. Das wird sich wohl nicht ganz und gar ändern lassen, aber ein bisschen mehr Sympathie und Enthusiasmus könnten nicht schaden. Der Berliner Reichtum ist kein Geldreichtum. Es ist ein Reichtum an Menschen, an Traditionen und ihren Brüchen, an Kulturen. Hochkulturen. Berlin leuchtet in die Welt, z.B. dank seiner Opern. Es leuchtet aber vor allem für sich selbst. Deshalb wird sich die Oper in Berlin in der Kunst stilvoller Stadteroberung versuchen müssen. Und der Berliner sich erobern lassen. Michael Schindhelm ist Generaldirektor der Stiftung Oper in Berlin |
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