Kolumne im vorwärts:berlin, Februar 2006

Ingeborg Junge-Reyer: Stadtentwicklung und Kultur

Ingeborg Junge-ReyerBerlin ist eine Stadt, die Freiraum für individuelle Lebensstile anbietet, für unterschiedliche Kulturen und Ethnien. Niemandem wird in Berlin eine weltoffene, tolerante und liberale Gesinnung "verordnet" - doch beseelt ist Berlin heute wie früher vor allem von der Lust am Außergewöhnlichen, dem unbedingten Willen vor allem sich selbst treu zu sein.

Eine lebendige Kulturlandschaft bedeutet heute nicht nur Lebensgefühl, sondern auch Ökonomie, Arbeitsplätze, Einkommen der Stadt. (Aus diesem Grund ist es für die Stadt auch nicht gleichgültig, ob am Kurfürstendamm ein Theater spielt oder ein Supermarkt entsteht.)

Berlin wird aus seiner Mitte zusammengehalten. Wir begreifen die historische Mitte der Stadt als ein Ort der Gesellschaft und der Kultur, der gleichermaßen durch das Neue wie auch durch einen Jahrhunderte zurückreichenden wertvollen Bestand an Bauten geprägt ist.

Da ist zu aller erst die Museumsinsel - deren Unverwechselbarkeit mit jeder fertig sanierten Maßnahme deutlicher wird.

Das Kulturforum am Kemperplatz verweist auf schwierige geschichtliche Frakturen: Einst ein Bürgerquartier, dann Opfer des Größenwahns der Nazis und im Krieg zerstört, war es während der Teilung ein bauliches Dokument westberliner Selbstbehauptung.

Die Schwierigkeit des Kulturforums ist die Rückkehr des Ortes in die wiedervereinigte Stadt. Die Frage nach seiner Rolle kann nicht von seiner städtischen Umgebung gelöst werden. Es gibt heute kein Zurück mehr zum kulturellen Biotop, sondern nur eine neue Neubestimmung im Kontext der Stadt.

Der Kontext des Ortes bestimmt auch die Diskussion um den Abriss des "Palastes". Wie umgehen mit einem solchen Ort, an dem Berlin einst entstand und an dem die Brüche der Geschichte besonders deutlich zutage treten?

Ich denke, dass der Deutsche Bundestag den Beschluss zum Humboldtforum sehr verantwortungsbewusst und nach einem ernsthaften Verfahren gefasst hat. Gerade das Wagnis des "leeren" Ortes bringt die Chance mit sich, die historische Mitte Berlins von einem "Problem-Ort" zu einem Zukunftsort zu machen.

Mit dem ehemaligen Reichssportfeld besitzt Berlin die wohl bedeutendste monumentale Sportanlage des 20. Jahrhunderts in Europa, aber auch ein belastetes Zeugnis der NS-Zeit.

Das Olympiastadion ist zu einem prägnanten Wahrzeichen der Sportstadt Berlin und der deutschen Geschichte geworden. Wie kaum ein anderes Monument ist es mit Hoch- und Tiefpunkten der deutschen Geschichte des 20. Jahrhunderts verbunden. Wir haben gerade angesichts der Bedeutung, die das Olympiastadion heute wieder bekommen hat, die Pflicht zur kritischen und selbstkritischen Kommentierung dieses dunklen Kapitels deutscher Sport- und Architekturgeschichte. Das Bild der Stadt, die kulturelle Identität, die Wiedererkennbarkeit von Orten und städtischen Situationen, ist gerade in den Zeiten der globalen Vereinfachung eine Existenzfrage für die Stadtentwicklung geworden.

Berlin hat gute Voraussetzungen, sich in der Bewältigung dieser Herausforderung zu bewähren.
Der Text ist die Kurzfassung einer Rede von Stadtentwicklungssenatorin Ingeborg Junge-Reyer am 18. Januar vor dem Kulturforum Stadt Berlin der Sozialdemokratie. Der vollständige Text ist im Archiv (pdf) nachzulesen.
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